Die Sprache der Stille – 5 Erkenntnisse vom Jakobsweg

Die Sprache der Stille – 5 Erkenntnisse vom Jakobsweg

Ich habe mich oft gefragt, warum Menschen den Jakobsweg gehen. Was bewirkt das stetige Gehen?

Warum hilft das Pilgern so vielen?

Bis ich selbst den starken Drang danach verspürte, mir einen Rucksack aufzuschnallen und loszuziehen …

Nach Spanien zu fahren wäre zu aufwendig gewesen. Ich wollte nicht lange planen, ich wollte jetzt gehen.

Blog als Audio (gelesen von Bianca Ritter)

 

Daher entschied ich mich für den Moselcamino, einen alten deutschen Jakobsweg.

Ich bereitete alles innerhalb weniger Tage vor, suchte Unterkünfte für mich und den Hund. Und schon begann meine kleine Reise.

4 Tage lang war ich unterwegs, 100 Kilometer – 17 per Schiff und 83 zu Fuß – habe ich zurückgelegt. 5 Erkenntnisse habe ich dabei erfahren, die ich gerne mit dir teilen möchte.

Es war ein tolles Gefühl, als ich am 1. Morgen loslief: Den Rucksack auf dem Rücken, den Hund an meiner Seite und die Sonne blinzelte gerade durch die Wolken.

Ich war vorher noch nie mit Rucksack gewandert, auch nicht länger als 10 Kilometer am Tag gegangen. Dennoch wusste ich, dass ich das schaffen konnte und es meinen Körper wahrscheinlich sogar auch noch gut tun würde. Ich war gespannt auf mein kleines-großes Abenteuer.

Was würde der Weg mich lehren? Warum war es für mich jetzt an der Zeit ihn zu gehen?

Als ich eine Weile den Berg hinauf marschiert war, merkte ich, dass ich nicht wirklich zum Nachdenken kam. Ich war außer Puste, schwitzte, trug den schweren Rucksack. Ich blickte abwechselnd auf den Boden, um nicht über Wurzeln und Steine zu stolpern und dann auf meine Umgebung. Ich schaute, wo ich war und wohin mich die Muscheln, die Wegweiser des Caminos, führten.

Das alles brauchte meine volle Aufmerksamkeit. Da war kein Platz zum Nachdenken, kein Raum für Tagträume und Grübeleien.

Ich war im Jetzt, voll im Augenblick, ich spürte mich, meinen Körper ganz deutlich und ich nahm alles um mich herum aufmerksam wahr und achtete auf die Zeichen auf meinem Weg.

In dieser Intensität hatte ich das lange nicht mehr getan.

Ich spürte, dass genau darin der Schlüssel lag und es sich auch auf das Leben allgemein übertragen ließ.

1. Erkenntnis: Wenn du aufmerksam auf die Zeichen achtest, findest du deinen Weg.

Es war ein völlig neues Gefühl so zu gehen. Ich kannte den Weg nicht. Ich ging einfach von Kreuzung zu Kreuzung und folgte den Zeichen. Es fühlte sich viel offener und leichter an. Es machte den Weg zu einem Abenteuer.

Es erforderte Aufmerksamkeit und natürlich auch Vertrauen, die Kontrolle abzugeben und sich führen zu lassen. Das spürte ich besonders, wenn längere Zeit keine Zeichen mehr kamen. Aber mit jedem Kilometer wuchs mein Vertrauen. Es entstand ein Gefühl für den Weg. Und es war schön, zu spüren, dass ich gut geführt werde.

Ich glaube, wir achten im Leben zu selten auf die Zeichen. Wir eilen an ihnen vorbei, übersehen sie am Wegesrand.

Wir denken, wir kennen den Weg schon, sind in Gedanken schon am Ziel und verpassen es dadurch.

Ich habe entschieden, innezuhalten und die Zeichen suchen, von einer Weggabelung zur nächsten. Und das möchte ich künftig auch im Leben öfter tun.

Denn manchmal sind es die kleinen verborgenen Pfade, die man schnell übersieht, die uns am Ende aber vielleicht dahin führen, wo wir wirklich hinwollen.

Der 1. Tag war mit Abstand der Anstrengendste: meine Schultern mussten sich an die Last des Rucksacks gewöhnen und meine Füße an das lange Laufen. Am Nachmittag ging die Innensohle meines Schuhs kaputt und ich lief mir eine Blase. Noch dazu war mein Wasser fast aufgebraucht und der Weg wurde zunehmend steiler.

So fand ich mich erschöpft an einem Hang und schleppte mich Treppenstufen aus grobem Fels hinauf. Ich fühlte, dass mich allmählich die Kraft verließ. Aber ich konnte ja schlecht hier mitten im Hang aufgeben und übernachten.

So stand ich nach Luft ringend vor der nächsten Stufe und blickte zu Boden. Und da lag er: ein kleiner Stein in perfekter Herzform.

Ich kann es nicht erklären, aber es hat irgendetwas in mir berührt.

Ich habe gespürt, dass ich auf meinem Weg nicht allein war, dass ich Hilfe hatte.

Ich habe den Stein aufgehoben und bin das letzte Stück hinaufgegangen. Oben erwartete mich eine grandiose Aussicht und „Pilgerhelfer“ mit Wasser und Wein. Als ich später im Ort ankam, war der 1. Laden, den ich sah ein Schuhgeschäft. Sie hatten die perfekte Sohle für meinen Schuh. Und ich bekam auch noch kurz darauf Fußbalsam für meine Blasen geschenkt.

2. Erkenntnis: Wenn du auf deinem Weg bist, bekommst du alles, was du brauchst.

Diese Erfahrung bestätigte sich in den folgenden Tagen immer wieder und ich lernte darauf zu vertrauen.

Alles, was ich brauchte, war in dem Moment da, wo ich losließ.

Ich merkte, dass die Dinge zu mir kamen, wenn ich keine Erwartungen, keine konkrete Pläne mehr hatte.

Mein Weg war wunderschön, befreiend und leicht, aber auch genauso anstrengend, steinig und mühselig – genau das, was ich wohl brauchte, um wirklich loszulassen.

Ich glaube, manchmal machen wir uns oft viel zu viele Gedanken und Pläne, ich habe das zumindest häufig getan.

So bin ich zum Beispiel am zweiten Tag einen Pfad durch einen dichten Wald gegangen und über viele Hunderte Meter war der Weg von Wildschweinen aufgewühlt. Ich habe mich gefragt, was ich wohl machen könnte, wenn plötzlich eine Wildschweinrotte vor mir stehen würde.

Aber noch bevor ich die Szenarien weiter ausmalen konnte, brach ich ab. Den Rucksack schleppen, auf die Wegzeichen achten und auch noch mit den Gedanken bei einer Flucht vor den Wildschweinen sein, war mir schlichtweg zu anstrengend.

Ich entschied, mir Gedanken zu machen, wenn sie tatsächlich da sind. Und stell dir vor: Kein Schwein tauchte auf!

Aber ich habe dadurch gemerkt, wieviel Energie uns Sorgen, Ängste oder Grübeleien kosten und das meist über Dinge, die gar nicht eintreten.

Es ist verschwendete Energie, Kraft, die uns womöglich fehlt.

3. Erkenntnis: Vergeude deine Energie nicht mit zu vielen Sorgen und Ängsten darüber, was eventuell passieren kann, sondern sei dir bewusst, was gerade tatsächlich ist.

Diese Erkenntnis tat gut und machte mir den Weg um Vieles leichter.

Ich war auf meiner Reise die meiste Zeit mit dem Hund allein auf den Wegen und genoss die Stille und Abgeschiedenheit in der Natur. Eines Morgens kam ich aus dem Wald und stand auf einer Blumenwiese mit weiter Aussicht.

Hier oben war es so still und friedlich und ich konnte spüren, dass es auch in mir still und friedlich geworden war.

Und während ich nach einer Weile weiterging, da wusste ich ganz klar, was ich wollte und was gut für mich war.

Fragen, über die ich vorher lange nachgedacht hatte, waren auf einmal ganz leicht zu beantworten.

All die Stimmen von pro und contra waren verschwunden. Übrig geblieben in der Stille war meine innere Stimme.

4. Erkenntnis: Wenn du still wirst, kannst du die Antworten auf deine Fragen fühlen.

Du musst dafür ja nicht tagelang durch einsame Wälder laufen. Aber ab und zu Momente der Stille im Alltag einzuplanen, kann sehr hilfreich sein. Du könntest zum Beispiel morgens dafür ein paar Minuten früher aufstehen. Ich glaube, die Zeit ist gut investiert. Denn zu wissen, was du wirklich willst, kann unter Umständen viel Zeit sparen 😉

Und doch freute ich mich abends aus der Stille heraus auf andere Menschen zu treffen. An jedem Etappenziel, dann wenn der Camino auf die Mosel traf, fand ich mich plötzlich im Trubel wieder.

Und ich freute mich auch darauf heimzukehren, meine Familie und Freunde zu sehen und dir diesen Blogbeitrag zu schreiben.

Denn, und damit komme ich zur letzten Erkenntnis …

5. Erkenntnis: In der Einsamkeit und Stille kannst du spüren, wer du wirklich bist und was du willst, aber erst im Kontakt mit anderen, lernst du, dies auch zu leben.

P.S.

Hier findest du einen ausführlichen Bericht von mir über die Etappen mit Fotos, Tipps und weiteren Links:

Der Moselcamino – 4 Etappen eines deutschen Jakobswegs

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Hallo, ich bin Bianca Ritter und arbeite als freie Autorin. Du findest auf „Sternschnuppenzeit“ Inspiration und praktische Tipps, um das Leben zu leben, von dem Du träumst. Es geht darum, wieder mehr Zeit mit Dingen zu verbringen, die dir wirklich wichtig sind, nach den Sternen zu greifen und deine Wünsche und Träume zu leben! Mein erster Roman "Das Erbe von Alchatar" wurde 2012 veröffentlicht.

6 Kommentare

  1. Julia

    Bislang habe ich mich auch immer gefragt, was die Leute an diesen Pilgerreisen finden. Viele von ihnen tun es ja auch um des Wandern Willens, nicht wegen des Pilgerns. Dein Beitrag gibt aber einen guten Einblick in die Beweggründe, und ist doch inspirierend. Vielleicht sollte ich es auch mal ausprobieren, bevor ich es weiter „komisch“ finde.

    Antworten
  2. Anja S.

    Hallo,
    das hast Du schön geschrieben.
    Liebe Grüße
    Anja

    Antworten
  3. Jessy

    Hey Bianca,

    ich muss sagen, der Text hat mich wirklich berührt. Pilgerreisen haben mich nie so sonderlich interessiert, aber du hast mich mit deinem Artikel doch neugierig gemacht. Auch ich ertappe mich öfters dabei, nicht im Moment zu leben und irgendwie immer mehr zu erwarten, obwohl ich doch eigentlich alles habe, um glücklich zu sein. Wer weiß, vielleicht erwäge ich ja wirklich mal so eine kleine Wanderung, denn mal einen Moment innezuhalten und sich einfach mal bewusst zu werden, was für ein verdammt gutes Leben wir haben, tut manchmal wirklich gut 🙂

    Liebe Grüße aus Mexiko,
    Jessy von A Trail of Glitter

    Antworten
  4. Claudia Täubner

    Hallo Liebe,
    sehr berührend und einfühlsam geschrieben. Stillpoints oder die Stille in mir zu suchen ist wunderbar. Oft bin ich unruhig, einfach deswegen, weil ich den nächsten Schritt im Außen suchte. Ich lernte, dass der nächste Schritt immer in mir zu finden ist und er im Außen sichtbar wird. Danke, für Deine, wie immer, wunderbaren Worte.

    Antworten
  5. martina

    Liebe Bianca,
    auch dieses Mal wieder bin ich sehr berührt von deinem Beitrag.
    Und zwar am tiefsten durch deine erste Erkenntnis.
    Wenn ich auf die Zeichen achte, finde ich meinen Weg.
    Genau das ist es, auf die Zeichen zu achten, sie wahr zu nehmen. Oft, wenn sie sehr klein sind, wische ich sie einfach weg. Halte sie für nichtig.
    Würde ich diesen Augenblicken mehr Aufmerksamkeit schenken, wäre so manches einfacher und leichter.
    Vielen Dank für deine schönen Erkenntnisse.
    Sie motivieren mich dazu, immer wieder neu zu überdenken.
    Eine gute Zeit

    Antworten
  6. Uschi

    Hallo liebe bianca,
    trotz all Deiner Strapazen und Mißglücke klingt diese kleine Reise wunderbar trotzdem würde mir glaub ich ein wenig der Mut fehlen im Moment zumindest noch. Denn ich glaube bei mir sogar in der Nähe hier in Franken läuft auch irgendein Jakobsweg vorbei. Als ich gestern spazieren ging dachte ich komischerweise auch mal daran warum läufst du nicht auch mal den Weg? Aber ich bin auch nicht so ein Rucksackträger weiß nicht naja jedenfalls finde ich die Bilder wunderschön und wie gesagt die Route klingt supertoll Mosel ist ja ne herrliche Gegend. Ich habe die letzten Wochen auch gemerkt wenn man Geduld und Vertrauen ins Leben hat dann fügt sich so manches ohne zutun. Ganz liebe Grüße P.S. Mit Hund ist es natürlich viel schöner so einen Kameraden dabei zu haben. Uschi

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